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Constant - Diener NapoleonsWenn man das Leben Napoléons studiert und dafür die persönlichen Erinnerungen seiner engsten Vertrauten heranzieht, da man sich von diesen Berichten eine unbedingte Authentizität erhofft,  so wird man von den berühmten Memoiren seines Ersten Kammerdieners Louis Constant Wairy (1778–1845) nicht unbedingt enttäuscht. Dieser Sohn eines wallonischen Gastwirts, der im Alter von zweiundzwanzig Jahren durch Vermittlung von Joséphine Bonaparte, (er war bis dahin als Diener bei Eugène de Beauharnais tätig gewesen) die Bekanntschaft des Ersten Konsuls machte, sollte Napoléon von diesem Augenblick an als sein Schatten bis zum April des Jahres 1814 begleiten.

Seine Memoiren über diese Zeit schrieb Constant erst viele Jahre später, was vermuten lässt, dass die Angaben unpräzise sind und die schon verblassten Erinnerungen kräftig koloriert wurden. Nichtsdestotrotz liest sich sein Buch spannend und sehr unterhaltend, die vielen Anekdoten sind genau das, was man zu lesen wünscht.

Zwar spricht Constant mit einer gewissen Verehrung von seinem ehemaligen Herrn, doch fühlt man einen verhaltenen Grimm, eine Disharmonie hinter seiner Charakterisierung. Er achtete seinen Patron, ohne ihn jedoch zu lieben. Und es scheint, als hätte er auch allen Grund seinen Herrn nicht zu lieben, denn es war nicht immer ein angenehmes Dasein, als premier valet de chambre de l'Empereur.

Es gab drei wichtige Dinge im Leben Napoléons, ohne die der Kaiser schon nach einer kurzen Zeit der Angewohnheit scheinbar nicht mehr leben konnte: Sein Kammerdiener, sein Bad und seine Brathähnchen. Egal wo und zu welcher Tageszeit, Constant musste immer dafür sorgen, dass Napoléon sein Entspannungsbad und sein frugales Mahl bekam. Der Kammerdiener entwickelte im Laufe der Jahre ein großes Organisationstalent, so dass es ihm nahezu überall gelang – ob in der spanischen oder in der russischen Wildnis – seinen Pflichten nachzukommen. Dabei riskierte er seine Gesundheit und man bedauerte ihn wirklich in jenen Feldzugsnächten, da Napoléon sich als Nervensäge entpuppte und fünf- bis sechsmal nach seinem Diener brüllte, nur um ihn zu fragen, wie spät es sei. Auch daheim in den Tuilerien oder in Saint Cloud war dem jungen Mann eine geregelte Nachtruhe nicht vergönnt, denn nachdem Napoléon sich entkleidet und zu Bett begeben hatte, schlich Constant in das Schlafgemach seines Herrn, um die weitverstreute Kleidung einzusammeln. Danach begab er sich durch den dunklen Korridor in eine kleine Kammer über den Gemächern des Kaisers, wo ihn ein spärliches Bett erwartete. Aber kaum eingeschlummert wurde er schon wieder von einem Wachdienstpagen geweckt, mit dem Auftrag, einen Tee für seinen Herrn zu brühen, denn Napoléon saß gewöhnlich schon um zwei Uhr morgens wieder in seinem Arbeitszimmer und verlangte nach einer Erfrischung. Noch drei Stunden Schlaf für Constant, dann war die Nacht vorbei.

Obwohl in der Hierarchie der Bediensten an oberster Stelle, war es Constant, der als letzter zu Bett ging, um als erster wieder aufzustehen.

Trotzdem gelang es dem Diener ein Privatleben zu führen. Durch abermalige Vermittlung Joséphines (in die er zweifellos eine Weile verliebt war) heiratete Constant am 2.Januar 1805 die vierzehnjährige Louise Charvet. Darüber hinaus zeigte sich auch der Kaiser seinem Ersten Kammerdiener gegenüber nicht undankbar: Constant erhielt von ihm Pferd und Wagen, sowie ein Anwesen im Wald von Fontainebleau, für das Kaiserin Joséphine ihm später eine Herde der berühmten Évreux-Schafe zukommen ließ, die jedoch 1814 der Invasion der Kosaken zum Opfer fielen. Und als wohl wichtigster Kammerdiener seiner Zeit erhielt Constant nebenbei noch freien Zugang zu sämtlichen kaiserlichen Theater- und Opernbühnen – was in jener fernsehlosen Zeit ein wahres Gottesgeschenk bedeutete!

Aber auch während der Stunden seiner Tätigkeit brauchte Constant sich nicht über Eintönigkeit zu beklagen. In der Umgebung seines illustren Herrn, am Nabel der Weltgeschichte sozusagen, gab es genug Aufregendes, um aus Constant einen Türen- lauscher und heimlichen Beobachter werden zu lassen. Zuweilen war es sogar Napoléon selbst, der seinen Diener um diskrete Dienste ersuchte, die dieser dann später ganz indiskret in seinen Memoiren preisgab. Meistens handelte sich um Liebesabenteuer, bei denen Napoléon einen Komplizen brauchte, der für ihn das gefährliche Terrain sondierte. Und so sah man Constant eines Nachts im Schloss von Fontainebleau durch ein offenes Fenster in das Zimmer der schönen Zoé de Barral steigen, wobei er jedoch in der Dunkelheit so unglücklich stolperte, dass er sich mich blauen Flecken sofort wieder zurückziehen musste, um sich danach von seinem Herrn auslachen zu lassen: "So...da ist also eine Stufe. Gut, dass ich das jetzt weiß...!" 

Während Napoléons Aufenthalt in Wien im Jahre 1809, wurde der Kammerdiener damit beauftragt, sich als Begleitperson für die Gräfin Walewska bereitzuhalten. Napoléon hatte seine junge Geliebte in einem kleinen Haus in Meidling untergebracht, wo er sie zuweilen besuchte. Meistens aber ließ er sie von seinem Diener zu sich nach Schönbrunn holen und dabei passierte es einmal, dass die Kutsche umkippte und sich Constant leicht verletzte. Die Gräfin blieb glücklicherweise unversehrt, da sie auf den Körper ihres Begleiters gefallen war.

Napoleon beim RasierenNeben diesen abenteuerlichen Unternehmungen wurde Constant im privaten Bereicht des Kaisers immer unentbehrlicher. Er brachte seinem Herrn das Rasieren bei, kümmerte sich um dessen Garderobe und organisierte den reibungslosen Ablauf der fast zweistündigen morgendlichen Toilette des pflegebewussten Monarchen.

Napoléon nannte ihn scherzhaft seinen "vilain drôle" und ließ sich von Constant gerne den neuesten Dienstbotenklatsch erzählen.

Aber Constant vergaß auch die unbequemen Momente mit diesem außergewöhnlichen Menschen nicht und so schildert er Napoléon aus Pflicht der Wahrheit gegenüber, als Despoten und gnadenlosen Willkür-Tyrannen. Wohl betrauerte er den Sturz seines Herrn, fand dessen Ende aber gerecht, da er sich zu den persönlichen Opfern Napoléons zählte. Und diesmal ist es die Unwahrheit, die Constant benutzt, um sich zu rechtfertigen, wenn er behauptet, dass die hunderttausend Franc, die Napoléon ihm wenige Tage vor seiner Abdankung im April 1814 übergab, ein Geschenk des Kaisers gewesen sein sollen. Aber zu diesem Zeitpunkt war Napoléon schon lange nicht mehr in der Lage, derartige Geldgeschenke zu machen, deswegen muss man davon ausgehen, dass Constant wie so viele andere, sich vor dem Untergang des Kaiserreiches noch zu bereichern suchte und das Geld einfach unterschlug.

Nach all den Strapazen und Querelen die dieser Diener auszuhalten hatte, kann man ihm eine derartige Reaktion vielleicht nicht übel nehmen, es ist nur bedauerlich, das Constant, von Napoléon als Dieb überführt, seinen Herrn mit einer Verbitterung verließ, die noch zwanzig Jahre später in seinen Memoiren einen Wiederhall finden sollte.

Vierzehn Jahre lang war er tatsächlich ein treuer Diener, dann überließ Constant diese wenig beneidenswerte Stellung dem jungen Louis-Joseph-Narcisse Marchand, der sich völlig selbstlos für das Wohlergehen Napoléons aufopferte und diesem bis zur allerletzten Minute seines Lebens in den frühen Abendstunden des 5. Mai 1821 beistand.

Und Marchands Treue währt für die Ewigkeit.

 

Quellenhinweise

"Napoleon I. nach den Memoiren seines Kammerdieners Constant." 3 Bände, Leipzig 1904

"Dictionnaire de Napoléon", Hrgb: Jean Tulard, Paris 1999