Napoléon und Joséphine

"Ohne Joséphine gibt es keinen vollständigen Napoléon", sagt die französische Joséphine-Biographin Françoise Wagener, und wer möchte dem auch widersprechen, schließlich gehört dieses Namenspaar neben Caesar und Cleopatra oder Romeo und Julia zu den berühmtesten der Weltgeschichte.

Napoleon Bonaparte und JosephineDoch verbirgt sich hinter der Kombination zweier wohlklingender Namen nicht unbedingt jene romantische Verbindung, die oftmals erwartet wird. Dass bei Caesar und Cleopatra die Fetzen flogen, oder dass die beiden italienischen Teenager Romeo und Julia sich aus Frust über ihre Beziehung das Leben nahmen, lässt vermuten, dass auch bei Napoléon und Joséphine der Himmel nicht nur voller Geigen hing.

Es war in der Tat nicht die bittersüße Liebesgeschichte, die erst durch die Legendenbildung zustande kam und in unzähligen Büchern, Theaterstücken und Filmen eine weltweite Popularität gewann.

Aber es war auch keine normale Ehe oder Durchschnittsbeziehung, wie sie von Millionen von Paaren gelebt wurde und gelebt wird.

Es war ein Arrangement.

Das berühmteste Zeugnis der Gefühle, die zumindest bei einem Teil dieses Paares zu Beginn vorhanden waren, sind die Liebesbriefe des jungen Generals Bonaparte an seine Frau. Es sind Episteln von schwermütiger, teils frivoler Poesie. "Meine Seele ist zerrissen vor Schmerz, und nirgends findet Ihr Freund Ruhe...Doch bin ich denn ruhiger, wenn ich mich dem tiefen Gefühl hingebe, das mich beherrscht, und wenn das Feuer Ihrer Lippen und Ihres Herzens mich verzehrt? Ach! Diese Nacht habe ich wohl gesehen, dass Ihr Bild nicht Sie selbst sind!"

Diese Worte schrieb der junge Napoleoné nach seiner ersten Liebesnacht mit der Witwe Beauharnais. Einige Monate später, nachdem die beiden ein Ehepaar geworden waren und Napoléon mit seinem Italienfeldzug direkt in die Weltgeschichte marschierte, schrieb er ihr:"Sei ganz ruhig, liebe mich wie Deine Augen; doch das genügt nicht, liebe mich wie Dich selbst; mehr als Dich selbst, als Dein Denken, Deinen Geist, Dein Leben, Dein Alles. Verzeih mir, geliebte Freundin, ich phantasiere; die Natur ist schwach, wenn man heftig empfindet, wenn man von Dir erfüllt ist."

Doch Napoléon ahnt schon jetzt, dass er bei seiner Frau nicht auf ähnliche Gefühle stößt:"Wenn Du mir einige  wenige Worte schreibst, verrät Deine Schreibweise niemals ein tiefes Gefühl." Während er keinerlei Schwierigkeiten hat, sein Empfinden zu Papier zu bringen, indem er ihr schreibt:

"Mein Herz fühlt nie etwas Mittelmäßiges...Es hatte sich die Liebe versagt; Du hast grenzenlose Leidenschaft in ihm hervorgerufen...ein Rausch, der es erniedrigt. Was Du dachtest, beseelte mich vor jeder Auseinandersetzung mit der gesamten Natur; Deine Laune war für mich ein heiliges Gesetz. Dich sehen zu können war mein  höchstes Glück; Du bist schön und anmutig; Deine sanfte und himmlische Seele spiegelt sich in Deinem Äußeren wieder. Ich habe alles an Dir angebetet; wärest Du naiver und jünger, hätte ich Dich weniger geliebt..."

Deswegen also liebte er diese Frau, die sechs Jahre älter war als er und schon zwei halbwüchsige Kinder hatte? Wegen ihres Alters und ihrer Erfahrung?

Nicht nur.

Es fällt einem sexuell nahezu unerfahrenen Mann von sechsundzwanzig Jahren gewiss nicht schwer, sich in eine Frau zu verlieben, die ihm gerade auf diesem Gebiet die langersehnte Betätigungsmöglichkeit bietet, ohne dabei seine Fehler oder Unzulänglichkeiten zu bemängeln, und die ihn nebenbei sogar in den Künsten der Liebe unterrichtet. Aber Napoléon bezeichnet seine Frau auch als schön undanmutig, als ein Spiegelbild ihrer Seele, er empfindet also mehr als nur eine körperliche Liebe.

Josephine de BeauharnaisUnd Joséphine?

Dass sie kein unbeschriebenes Blatt in Sachen Liebe war, wusste Napoléon sehr wohl. Denn sie hatte es ihm selbst erzählt; wie sie als fünfzehnjähriges Pummelchen, (aber mit einer schönen Haut, glücklicherweise litt sie nicht unter Akne, wie viele andere Mädchen ihres Alters) die Ehefrau des ebenfalls noch unerwachsenen aristokratischen Schürzenjägers Alexandre de Beauharnais wird.

Als Marie-Rose Vicomtesse de Beauharnais, so ihr offizieller Name, lernt die junge, von ihrem Gatten betrogene und enttäuschte Ehefrau, im ausgehenden französischen Rokoko durch eigene Initiative das Amüsement kennen. Man kann jedoch bei ihren Abenteuern nicht von Affären reden, sondern viel eher von kleinen Turteleien, amourösen Freundschaften, wie sie in der unkonventionellen Gesellschaft des jungen Adels damals üblich waren.

Die hübsche Vicomtesse ist modern und tritt mit neunzehneinhalb Jahren in die Freimaurerloge "La Triple Lumière" ein. Sie ist stets gesellig und immer von Schwärmern umringt. Neben ihr sieht man Männer wie Jean-Laurent de Durfort-Civrac Duc de Lorge, oder Jean-Philippe de Franquetot Chevalier de Coigny, und Anne-Jules de Poilvilain Comte de Crenay, nicht zu vergessen Scipion du Roure Chevalier de Brizon.

Neben weiteren oberflächlichen Liebeleien, entsteht eine ernstere Liebesbeziehung erst unter den dramatischen Umständen ihrer Gefangenschaft im berüchtigten Karmelitergefängnis, kurz vor Ende der Revolution. Dort begegnet ihr der junge, aufstrebende General Lazare Hoche, bei dem die vor Todesangst schlotternde Rose (das Marie wurde übrigens in Folge der Entchristianisierung aus ihrem Namen entfernt) den richtigen Halt findet, um von der Inhaftierung keinen psychischen Schaden davonzutragen.

Nachdem diese Beziehung wegen finanzieller Streitigkeiten zerbricht, wendet Rose sich dem charismatischen Politiker und Ex-Vicomte Paul de Barras zu. Von allen Männerfreundschaften scheint Rose nun das große Los gezogen zu haben, denn Paul Barras ist reich und freigiebig, ein Mann, der es versteht zu leben. Sie gefällt sich als erste Dame seines Hauses und seines Harems.

Niemand weiß heutzutage genau, wie viele Liebhaber Joséphine hatte oder nicht hatte bis zu dem Zeitpunkt, da der junge General Buonaparte in ihr Leben trat. Aber sicher ist, dass sie zu Unrecht wegen ihres Sexuallebens zwei Jahrhunderte lang verfemt wurde.

Sie war weder ein männermordender Vamp, wie sie ihr Zeitgenosse Barras in seinen Memoiren beschreibt, noch eine frigide Einzelkämpferin, wie sie neuerdings aus amerikanischer Sicht geschildert wird. In beiden Fällen hätte Napoléon sich niemals in sie verliebt.

"Sie war so arglistig wie eine Taube", beschreibt er sie auf St.Helena. Neid und Missgunst lagen ihr völlig fern, Joséphine fürchtete sich vor Gewalt oder lautstarken Auseinandersetzungen, sie liebte die zwischenmenschliche Harmonie, den häuslichen Frieden und das Glück der Geborgenheit. Was sie nicht liebte...war ihr junger Ehemann!

Aber konnte sie etwas dafür? Napoléon war einfach nicht ihr Typ und ihre Heirat mit ihm kommt uns heute vor wie ein Experiment. (Es galt damals als très chic zu heiraten und sich eine Woche später wieder scheiden zu lassen). Sie wird ihren Irrtum erst wirklich bemerkt haben, als ihr sechs Wochen nach der Eheschließung die große Liebe ihres Lebens begegnet, in Gestalt des neun Jahre jüngeren Husaren Leutnants Hippolyte Charles. (Wobei es sich um zwei Vornamen handelt. Die Familie dieses Mannes hieß eigentlich Quentin oder Quintin und dies solange, bis es einem Vorfahren aus nicht näher erklärten Gründen einfiel, den Familiennamen durch einen zweiten Vornamen zu ersetzen).

Joséphine erlebte eine leidenschaftliche Affäre mit diesem Mann, unter den Augen ihres Gatten, der, vor Liebe blind, nichts sehen wollte. Das Drama nahm seinen Lauf, da Joséphine sich weder von ihrem Geliebten noch von ihrem Ehemann (Napoléon war inzwischen durch den Italienfeldzug zum Millionär geworden) trennen konnte, und so kam es schließlich zur Katastrophe.

Am 19. Juli 1798, im heißen ägyptischen Wüstensand von Ouardan brach für Napoléon die Welt zusammen als sein Adjutant Junot ihm schließlich von der öffentlich gewordenen Affäre Madame Bonapartes mit Hippolyte Charles berichtete.

Von diesem Tage an beschwor Napoléon seinen Rachefeldzug gegen Joséphine.

Er begann sie systematisch zu betrügen. Keine schöne Frau war vor ihm sicher. Im Laufe der kommenden Jahre wanderten Offiziersgattinnen, Operndiven, Schauspielerinnen, Hofdamen, Vorleserinnen, Zirkusartistinnen, Bürgerstöchter, Zofen durch sein Bett. Laut Mademoiselle Avrillion hatte der Kaiser einen einfachen Geschmack was die Frauen seiner Wahl anging: "Sie müssen nur sehr jung und sehr schön sein, das genügt,  um ihm zu gefallen."

Als Joséphine spürte, dass sie ihren Mann verlieren könnte, gelang es ihr, sich ihre Liebe zu Hippolyte auszureden und sich ihre Liebe zu Napoléon einzureden. Sie reagierte mit heftigen Eifersuchtsszenen auf die Eskapaden ihres Mannes, allerdings beruhigte sie sich erstaunlich schnell, sobald die Gefahr vorüber war und ihr Mann sich ihr wieder zuwendete. Napoléon unterdessen genoss als Machthaber über Frankreich seine neue Beliebtheit bei den Frauen – zum ersten Mal in seinem Leben konnte er unter den Schönsten der Schönen die Wahl treffen. Und er tat es ohne zu zögern, denn es gefiel ihm mit seiner attraktiv gewordenen Männlichkeit vor der Frau aufzutrumpfen, die seine Gefühle so gleichgültig betrogen und die große Liebe seines Lebens zerstörte hatte.

Trotzdem missachtet er sie nicht, bis zum Schluss ihrer Ehe übte Joséphine einen erotischen Reiz auf ihren Mann aus, dem Napoléon nicht widerstehen konnte. So schrieb er ihr noch am 6.Juli 1807 in seiner gewohnt pikanten Art: "Ich habe deinen Brief vom 25.Juni erhalten. Ich sah mit Schmerz, dass Du egoistisch bist und dass der Erfolg meiner Waffen Dir gleichgültig wäre, wenn der kleine Baron von Kepen nicht auf einige kleine Besuche hoffen könnte, pfui! Das ist hässlich!"

(Bei dem Baron von Kepen handelt es sich übrigens nicht um eine Person, sondern um ein spezifisch weibliches Körperteil.) Und auf St. Helena erinnert sich der Kaiser: "Sie wollte immer mit mir schlafen...besonders zum Schluss, als ich mich zur Scheidung schon entschlossen hatte. Joséphine glaubte mich so halten  zu können."

Es ist durchaus verständlich, dass eine Frau, die sich vernachlässigt fühlt, nach einer Ersatzbefriedigung sucht. Da Joséphine sich in ihrer Position keinen weiteren Skandal durch eine  neue Liaison leisten konnte,  stürzte sie sich  in einen Kaufrausch und eine Verschwendungssucht, durch die sie ihren untreuen Ehemann besser zu ertragen hoffte. Und obwohl sie den Kaiser dadurch maßlos erzürnte und es zu schlimmen Zornesausbrüchen kam (denn Napoléon wurde als sparsamer Korse erzogen), so blieb er doch ihr treuer Finanzier. Wiewohl auch ihr Beschützer, denn Joséphine war von Feinden umgeben. Nicht nur vor den neidischen Bonapartes, sondern auch vor den Mitglieder ihrer eigenen Familie musste sie sich wappnen.

Besonders vor der berühmten chère cousine Alex (Mme de La Rochefaucould, wegen ihrer Beauharnais-Verwandtschaft zur Ehrendame aufgestiegen) musste Joséphine sich in Acht nehmen, da diese giftige Person es nicht verwinden konnte, vor der ehemals armen Verwandten in eine Révérence versinken zu müssen. Leicht paranoid veranlagt glaubte Joséphine eines Tages, man wolle sie vergiften, um sich  ihrer zu entledigen. Nur Napoléon konnte sie beruhigen und die verdächtigen Höflinge zurechtweisen, zu denen sogar der Polizeiminister Fouché gehörte.

Nach außen hin glänzten der Kaiser und die Kaiserin durch ein harmonisches Bild; sie waren ein schönes Paar. Mit ihren zierlichen 1.62m passte Joséphine perfekt zu der eher untersetzten Figur (1.69m) ihres Mannes. Napoléon neckte sie oft, weil sie sich durch Puder in den Mundwinkeln die Lippen schmaler kaschierte, Joséphine hatte extrem schlechte Zähne, die sie durch einen kleinen Mund zu verbergen suchte. (Sie schminkte sich übrigens niemals die Augen, da es damals noch als verpönt galt und nur bei Prostituierten und Schauspielerinnen üblich war).

Wenn wir heute das Paar auf dem berühmten Krönungsgemälde von Jacques Louis David betrachten, sehen wir einen attraktiven Mann mit einer schönen Frau, im vielleicht innigsten Moment ihres Lebens, festgehalten für die Ewigkeit.

Wer würde daran denken, dass ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt Napoléons Herz einer anderen gehörte, und nicht jener, die da so anmutig vor ihm kniet? Wer würde daran denken, dass Napoléon seine

von ihm gekrönte Kaiserin eines Tages als "verlogen" und "intrigant" bezeichnen würde? Wer würde sich vorstellen können, dass Joséphine zwar seine größte, nicht aber seine schönste Liebe war, die er zweifellos mit der aparten Gräfin Marie Walewska erlebte?

Die Geschichte von Napoléon und Joséphine wurde so sehr von der Legende verzerrt, dass die Wahrheit kaum eine Chance hat.

Natürlich ist es aufregender, der berühmten Weissagung zu glauben, die einst der kindlichen Joséphine auf ihrer Heimatinsel Martinique gemacht wurde und ihr versprach sie würde "...mehr sein als eine Königin," als zu akzeptieren, dass es sich bei dieser Weissagung nur um die naive Spekulation einer  ähnlichen Karriere wie die von Françoise d'Aubigné handelt, die hundert Jahre vor Joséphine als armes Adelstöchterchen Martinique verlassen hatte, um  die zweite Gemahlin des Sonnenkönigs Louis XIV zu werden.

Und gerne glauben wir auch an Napoléons Gefecht in seiner Hochzeitsnacht mit Fortuné, jenem kleinen Mops, der sich nicht aus dem Brautbett vertreiben lassen wollte und dem neuen Gemahl seiner Herrin deswegen ins Bein biss. Da Napoléon diese Geschichte aber selbst erzählte, muss man sie anzweifeln, denn er übertrieb gerne und war außerdem viel zu spießig, um zu gestehen, dass er schon lange vor der Eheschließung eine mögliche Begegnung mit Fortuné in Joséphines Bett gehabt haben musste.

Aber glauben sollten wir vor allem auch das, was die intellektuelle Hofdame Madame de Rémusat so aufmerksam an dem kaiserlichen Paar beobachtete: "Napoléon wäre ein besserer Mensch gewesen, wäre er besser geliebt worden."

Mit diesen Worten fällt die Legende von der großen Romanze zwischen Napoléon und Joséphine.

Es tut weh, aber es ist wahr.

Vielleicht tröstet uns der Gedanke, dass beide Menschen, unabhängig voneinander, Romantiker waren und uns mit ihren außerehelichen Liebesabenteuern entschädigen – Was gibt es da nicht alles zu erzählen! Trotzdem halte ich die Wahrheit über die Ehe von Napoléon und Joséphine für spannender als alles andere. Es war wirklich keine Romanze, aber es war das sinnlichste Arrangement, das zwischen Mann und Frau nur stattfinden kann.

Quellenhinweise

Françoise Wagener :  "L'Impératrice Joséphine"   Paris 1999

Bernard Chevallier :  "Douce et incomparable Joséphine", Paris 1999

Bernard Chevallier, Maurice Catinat, Christophe Pincemaille, Hrsg : "Impératrice Joséphine, Correspondance, 1782-1814"

Jean Tulard, Chantal de Tourtier-Bonazzi, Hrsg. :  "Liebesbriefe an Joséphine",  Wien 1983

André Gavoty : "Les Amoureux de L'Impératrice Joséphine", Paris 1961

Louis Hastier : "Le Grand Amour de Joséphine",  Paris 1955