Napoleon - Unbekannte Persönlichkeit

Als ich mit fünfzehn Jahren mein erstes Buch über Napoléon las – es war ein Roman – hätte ich nie gedacht, dass er mich auch noch fünfundzwanzig Jahre danach beschäftigen würde. Ohne es zu wollen, fiel ich damals einer seltsamen Faszination zum Opfer, die aus mir schließlich eine Freizeit-Historikerin werden ließ, immer auf der Suche nach neuem Lesematerial, nach den ersehnten Informationen, die ich tiefvergraben in längst vergriffenen Büchern vermutete, und die ich mit archäologischer Akribie zu suchen begann. Bei diesen Expeditionen geriet ich übrigens an Orte, auf die niemals zuvor ein Sonnenstrahl gefallen war, Gegenden, in denen sich selbst die Einheimischen verliefen – es war eine Odyssee, durch die ich schließlich die unbekannten Seiten der deutschen Metropolen kennen lernen sollte und mittlerweile gibt es wohl nur noch wenige Antiquare, denen ich unbekannt bin.

Napoleon in Gesellschaft
Warum das alles?

Es gibt mehr als eine halbe Million Bücher über Napoléon, über seinen Aufstieg, seinen Fall, seine Schlachten, seine Politik, sein Exil, seinen Tod....überaus zufriedenstellend, wenn man sich dafür interessiert. Wenn man aber Gelegenheit hat, die unbekannte Seite an ihm zu erahnen, nämlich seinen menschlichen Charakter, dann verblasst neben seinen wahren Wesenszügen der gloriose Held zu einer langweiligen Statue und die meisten der historischen Bücher werden uninteressant.

Und es ist erstaunlich, wie nahe Fantasie und Realität in diesem Fall beieinander liegen, denn was ich vermutete fand ich schließlich in jenem so schwer zu findenden Lesematerial bestätigt, sodass es durchaus zulässig erscheint, sich dem unbekannten Napoléon zuerst über die Imagination zu nähern. Es ist ganz einfach – durch das Dröhnen der Kanonen von Austerlitz und Waterloo lausche ich vorzugsweise nach den zarten Tönen einer Harfe und lasse mich dank meiner Vorstellungskraft in einen Salon führen, in dem der Kaiser und die Kaiserin zusammen mit ihrem Hofstaat einem Konzert lauschen, bei dem ich beobachten kann, wie Napoléon mit einer erwählten Hofdame in einer kaum wahrnehmbaren Zeichensprache ein heimliches Rendezvous ausmacht.

Voilà ! – dies  ist Napoléons andere Seite. Seine männliche, seine menschliche, seine sympathische, seine schwache Seite.  Genauso faszinierend wie das Geheimnis der Sphinx ist der Charakter dieses Mannes, verblüffend einfach und trotzdem rätselhaft. Und seine Macht ist ungebrochen, denn sein Charisma hat ihn ohne Schaden überlebt und erobert immer noch...

Zwar wird man von Freunden oft mitleidig belächelt, sobald man sich zu seinem – zugegebenermaßen – seltsamen Interesse bekennt, aber irgendwann wird es schließlich akzeptiert und dann kommt sogar die ein- oder andere Frage: "Der war doch so klein, oder?" – "Na ja, vielleicht wie Tom Cruise..." – " Warum hat der sich eigentlich immer die Hand in die Weste geschoben?" – "Das war nur eine Pose, die damals in der Portraitmalerei sehr beliebt war." – "Und warum hatte er eine Locke auf der Stirn?" – "Er hatte keine Locke auf der Stirn." – "Und wie war der sonst so...?"

Wie war er sonst so?

Er bezeichnete sich selbst gern als den kältesten der Männer, als Mensch... ohne Herz, der nur ein einziges Mal in seinem Leben geliebt hatte, und zwar Joséphine...ein bisschen. Aber damals sei er erst siebenundzwanzig gewesen.

Wenn man in den Olymp der Unsterblichkeit aufgenommen werden will, dann muss man vielleicht so reden und die Realität verleugnen. Aber die Wahrheit lässt sich nicht vertuschen und bringt den Helden schließlich zu Fall.

Seine Zeitgenossen bestätigen es. So erzählt zum Beispiel die Königin Désirée von Schweden einem Baron Hochschild fünfzig Jahre nach ihrer ersten Begegnung mit den jungen General Buonaparte, er sei: "...von einer lärmenden Heiterkeit gewesen, ein durch und durch guter Junge."

Im Jahre 1830 schreibt die berühmte Herzogin von d'Abrantés an die eben erwähnte Königin Désirée: "Ich habe ihn gekannt, wie er alles schwärmerisch liebte, was melancholisch und romantisch war."

Und aus den Memoiren der Herzogin erfahren wir auch, dass für Napoléon der schönste Anblick nicht der Aufmarsch seiner siegreichen Regimenter war, sondern der Anblick einer jungen schlanken Frau in einem weißen Kleid an einem Waldrand.

Man braucht nur leicht an der marmornen Schale des Heros zu kratzen und schon kommt der Bourgeois zum Vorschein; ein geselliger Mann, der für Pasta schwärmt, für Hühnerfrikassee und Pommes Frites; der Couplets pfeift und seine Beine nicht mehr stillhalten kann, ja, regelrecht ausflippt, wenn er seinen Lieblingstanz, den Monaco hört; der nach einem Glas Champagner schon betrunken ist und sich am besten dann entspannt, wenn er mit der jungen Verwandtschaft Joséphines durch die Flure der Tuilerien tollt und zusammen mit Halbwüchsigen wie Nini de Beauharnais und den Brüdern Yéyé und Fanfan de Tascher Fangen spielt.

Es sind die kleinen Geschichten und Anekdoten, seine private Korrespondenz, sowie sein Umgang mit Nahestehenden, Geliebten und Familienangehörigen, die den Charakter Napoléons – wenn auch nur schwach – beleuchten. Aber über die Menschen seiner Umgebung gestattet er uns einen intimen Blick in sein Innerstes, was jeder Biograph dankbar annimmt, um mit Hilfe dieser Erinnerungen und Briefe schließlich sein Portrait des Kaisers Napoléon zu zeichnen.

Ich bin glücklich zu wissen, dass es weder Bewunderung noch Liebe ist, was mich so an diesem Mann gefangen nimmt, sondern dass es sich einzig und allein um eine wohlige und unersättliche Neugier handelt, die meine Passion erklärt.

Auf dieser Website nun, möchte ich dem Leser ein paar kleine Impressionen meiner Recherchen zukommen lassen, von denen ich hoffe, dass sie unterhaltend und lehrreich sein mögen.

Möglich gemacht wurde mir das übrigens von Napoleon-Online und Markus Stein, bei dem ich mich herzlich bedanke!