Rendezvous mit Napoléon

Napoleon mit KarteIch bin geboren und gemacht für die Arbeit...wenn auch nicht gerade um die Feldhacke zu schwingen, es ist allein die geistige Tätigkeit, die mein Schaffen aus- macht, aber meine Arbeitsfähigkeit kennt keine Grenze...”

So sagte Kaiser Napoléon von sich selbst und seine Behauptung ist nicht übertrieben.

Es gab in der Geschichte wohl kaum einen kaiserlichen Kollegen Napoléons, der ihm in dieser Hinsicht hätte das Wasser reichen können. Mag man ihm auch vorwerfen, dass Ergeiz und Ruhmsucht ihn zu dieser ungewöhnlichen Produktivität inspirierten, so kann man ihm aber keineswegs jene imperialistische Dekadenz nachsagen, um derentwillen viele Monarchen ihre Regierungsgeschäfte vernachlässigten, was letztendlich nur zum Verfall ihrer Macht und ihres Staates führte.

Napoléon herrscht – auch über sich selbst!

Mit seiner kräftigen Konstitution genießt er einen achtzehnstündigen Arbeitstag, egal wo er sich gerade befindet, ob in einemseiner bequemen Paläste oder in einer zugigen Scheune neben einem Schlachtfeld, erst wenn alles erledigt ist, gönnt er Körperund Geist eine Ruhepause. Darüber bemerkt General Gourgaud staunend, wie der Kaiser am Ende eines solchen Arbeitstages noch nach den abstraktesten Büchern und Schriften verlangt, um sich beim Lesen derselben zu entspannen.

Umgeben von seinen Karten und Büchern (seine Reisebibliothek und Teile seines topographischen Büros begleiten den Kaiser auf allen Wegen) fühlt Napoléon sich überall dort heimisch, wo er ungestört seinen Armee- und Staatsangelegenheiten nachgehen kann. Er strapaziert seine Sekretäre fast noch mehr als sich selbst und oftmals geschieht es, dass einer seiner jungen Schreiber mitten in einem Diktat vor Erschöpfung zusammenbricht. Während Napoléon den Mann weiterschlafen lässt, wird ein zweiter Sekretär damit beauftragt, das Schriftstück zu vervollständigen.

Das Gedächtnis des Kaisers ist erstaunlich. An einem Sommertag des Jahres 1806 diktierte er an einem Vormittag Briefe an folgende Personen: an König Carlos IV. von Spanien; an die Königin von Spanien; an Cambacérès; an Fouché; an Talleyrand; nochmals an Talleyrand; an Berthier; an seinen Bruder Joseph; an seinen Bruder Louis; an Eugène; an General Dejean; nochmals an General Dejean; an Marschall Lefebvre; wieder an Talleyrand; und noch mal an Talleyrand; an Admiral Decrès; an den Kultusminister; nochmals an Eugène; an Soult; an den Kriegsminister; und wieder an Eugène; und an Joseph; und nochmals an Eugène; an Fouché an Dejean; an Fouché; an den Finanzminister Gaudin; an Fouché; an Talleyrand; an den Kriegsminister; an Junot; an Duroc; an Régnier; an Daru; an Fouché; an den Kultusminister; an Murat;

Dazu kommen noch zweiundzwanzig handschriftliche Bemerkungen zu den Berichten des Kriegsministers, weitere siebzehn Marginalien zu den Berichten der Polizei, sowie elf ausführliche Entscheidungen in Angelegenheiten der besetzten Gebiete.

Dies alles im Laufe eines Vormittags!

Sein Minister Roederer spricht mit einer fassungslosen Bewunderung von dieser Betriebsamkeit. “Ich habe seinen Geist nie ermattet gesehen; dieser verliert die Spannkraft auch dann nicht, wenn der Körper erschöpft oder erregt ist. Ich habe nie bemerkt, dass ihn eine Sache von der anderen ablenkt oder dass er diejenige, die er gerade behandelt, beiseite lässt, um an eine frühere oder bevorstehende zu denken...Kein anderer Mensch war so ganz bei dem, was er tat, oder verteilte seine Zeit so gut auf alles, was er zu tun hatte.”

Doch trotzdem der Kaiser sich inmitten seiner Arbeitslast  so wohl zu fühlen scheint, geschieht es, dass man ihn plötzlich vor     den schwerwiegenden Entscheidungen und seiner großen Verantwortung für einen Augenblick in die harmonische  Umgebung seiner Gattin fliehen sieht.

Napoleon und JosephineEr stürmt in die Gemächer Joséphines und zieht sie von ihrer Stickerei weg, um mit ihr Hand in Hand im Park von Saint-Cloud oder Malmaison spazieren zu gehen. Ein anderes Mal beobachtet er sie bei ihrer Toilette, wobei es ihm Spaß macht, in ihrem Schmuckkästchen zu wühlen und die zahlreichen Gegenstände auf ihrem Toilettentisch durcheinander zu werfen. In einem Armsessel sitzend, lauscht er dem Geplapper von Joséphines Kammerfrauen, was ihn oftmals einschlummern lässt. Häufig aber, kann Napoléon es nicht unterlassen, seinen Unwillen über die Frisur oder ein Kleid der Kaiserin zu äußern, und man sieht ihn todernst mit seinen ungeschickten Fingern in Joséphines kunstvoll frisierten Haar eine Blume oder eine Feder arrangieren, was die ängstliche Frau atemanhaltend über sich ergehen lässt.

Doch ist Napoléons plötzlicher Wunsch, sich einen Augenblick von der Arbeit zu entspannen, nicht immer so harmloser Natur.

Als der Kaiser sich an einem Vormittag im Spätherbst 1804 ein Schäferstündchen mit seiner Geliebten Adèle Duchâtel gönnt, führt seine Unvorsichtigkeit dazu, dass die intrigenwitternde Joséphine ihn in flagranti ertappt. Er wird schließlich vorsichtiger und einige Monate später fühlt Napoléon sich während einer Promenade mit seiner neuen Herzdame im Park von Murats Anwesen La Motte Sainte-Héraye plötzlich von einem Neugierigen beobachtet, was den Kaiser derartig erschreckt, dass er voller Panik über eine Mauer springt.

Schließlich wählt Napoléon die Dunkelheit der Nächte, um seine Freizeitgestaltung gefahrloser genießen zu können. Das Abenteurerblut des Monarchen setzt sich dabei durch und man sieht ihn in Hut und Stock und einem einfachen Gehrock durch die Straßen von Paris flanieren. (Die Behauptung, er ließe sich den Weg vorher von einem Dutzend Mouchards absichern, ist unwahr.) 

In Begleitung von Duroc, Bessières oder Rapp besucht er in seiner Kostümierung öffentliche Ausstellungen, Jahrmärkte, Musikveranstaltungen und kleine Theater. Einmal scheint seine Maskerade aufzufliegen – während er mit Duroc in einer kleinen Loge im Théâtre de la Gaîté einer Komödie lauscht, stürzt plötzlich ein Mann auf ihn zu und schreit: “Ich bin in die Kaiserin verliebt!” Doch Napoléon bewahrt seine Fassung, gibt sich in keiner Weise zu erkennen und sagt nur: “Monsieur, was geht mich das an?”

Ein anderes Mal lässt er seinen Kammerdiener Constant und seinen Schwager Prinz Murat in einem Fiaker vor einem gemieteten Haus in der Nähe des vornehmen Cour de la Reine fünf Stunden lang warten, um sich in dieser Zeit mit einer seiner neuen weiblichen Eroberungen zu vergnügen.

Eine weitere Zerstreuung genießt der Kaiser darin, sich  nach der Arbeit eine seine zahlreichen Spioninnen zu sich in die Tuilerien einzuladen, um den neuesten Klatsch seiner politischen Feinde aus den Pariser Salons oder dem royalistischen Faubourg Saint-Germain zu erfahren. Und so sieht man  Mme de Copons, Mme de Bouillé, Mme de Genlis, die schöne Fortunée Hamelin, und nicht zu vergessen die schillernde Gräfin von Kielmannsegge heimlich in den Palast schleichen. (Die Gräfin spioniert übrigens für den Kaiser im Salon von Talleyrand, was dieser freilich weiß.)

Auf seinen Feldzügen vertreibt Napoléon sich die Musestunden gerne mit seinen Offizieren bei einem Kartenspiel, seltener beim Schach, wobei er natürlich mogelt, aber fairerweise nie den Gewinn für sich behält. Als Soldatenkaiser hat er immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte seiner Männer, er ist zugänglich für jeden, der sich ihm ehrlich nähert. Aber es geschieht immer wieder, dass der Kaiser seiner männlichen Umgebung überdrüssig wird und nach weiblicher Konversation verlangt. Eine Begegnung dieser Art sollte er sein Leben lang nicht vergessen. Während seines ersten Aufenthaltes in Wien 1805 empfängt er ein schönes jüdisches Mädchen, mit dem er die ganze Nacht verbringt. Noch auf St. Helena schwärmt er: ”Sie sprach kein Wort Französisch, ich kein Wort Deutsch. Sie gefiel mir so gut, dass ich sie die ganze Nacht bei mir behielt. Sie war eine der angenehmsten Frauen, die ich je kennen gelernt habe. Sie war gepflegt und benutzte kein Parfum. Als es Tag wurde, weckte sie mich zärtlich. Danach habe ich sie niemals wiedergesehen, obwohl ich sie 1809 suchen ließ. Ich habe nie erfahren, wer sie war.”

Den größten Freizeitluxus aber gönnt der Kaiser sich im Frühjahr 1807, als er seine große Liebe, die polnische Comtesse Marie Walewska, zu sich nach Schloss Finkenstein in Ostpreußen einlädt, um dort sechswöchige Flitterwochen mit ihm zu erleben. Damit beschwört er einen Skandal herauf, der in Paris durch die Indiskretion von Mme Savary und Mme Lavalette (deren Gatten sich in der Nähe des Kaisers befinden und Zeugen seines heimlichen Honigmondes werden) an die Ohren Joséphines dringt. Doch in seiner hohen Position und noch dazu weit entfernt von der gedemütigten Gattin, interessiert der schwerverliebte Monarch sich  nicht mehr für die Auswirkungen seines Ehebruchs. Denn Napoléon herrscht – auch über seine Gefühle!

Napoleon und GoetheAber sein Genius bleibt auch trotz so profaner Gefühlregungen derartig faszinierend, dass er dadurch ihm ebenbürtige Persönlichkeiten anzieht, wie die Erde den Mond. So lässt Europas größter Dichterstar nicht lange auf sich warten, als Kaiser Napoléon 1808 die deutschen Denker zum Rendezvous nach Erfurt einlädt.

Der Geheimrat von Goethe sträubt sich nicht gegen seine Verzauberung durch Napoléon. Er darf den Kaiser an 2. Oktober, einem Sonntag, bei seinem zehnminütigen Dejeuner unterhalten und zerstreut die Langeweile des Monarchen auf den ewig gleichen Festivitäten durch seine Weltanschauung und seine sympathische Poetenmentalität. Der Kaiser lässt sich von  Monsieur Göth, wie er ihn nennt, beeindrucken und der Dichter selbst wird seinen bewunderten Napoléon Zeit seines Lebens mit den Worten ”Laissez-moi mon Empereur” gegen alle Angriffe verteidigen.

Aber wenn man sich als Monarch ständig an die Regeln einer strengen Hofetikette und eines strammen Zeremoniells zu halten hat, und einem das sosehr wiederstrebt, wie in diesem Falle dem berühmten Kaiser der Franzosen, dann versucht man sich dem hin und wieder auf die einfachste Art zu entziehen – durch ein Abschweifen der Gedanken.

In der Oper, bei Staatsbanketten, auf Bällen und Soiréen, sieht man Napoléon träumen.

Zurückgezogen in sich selbst, wagt niemand ihn dann zu stören. Von einen einzigen Gedankengang abgelenkt, vergisst er sogar auf den Jagden der Fährte zu folgen, so dass er sich des öfteren im Wald verirrt.  Bei der Vorstellung  eines schlechten Theaterstückes verharrt er nur deswegen in seiner einsamen Loge, um zu meditieren. Ist das Stück beendet, erhebt er sich ohne zu applaudieren und lässt knurrend vernehmen, wie schlecht man ihn doch zu unterhalten versucht.

Napoleon auf einem BallDoch die glücklichen Zeiten des Konsulats, da er als Schlossherr von La Malmaison an den Wochenenden seine Familie, Freunde und Bekannte einlud, um in einem intimen Kreis den ungezwungenen Freuden des Landlebens nachzugehen, erstreckten sich nicht auf die gloriose und noch stressigere  Epoche des Empire.

Das Privatissimo eines derartig politischen Menschen erlaubt nur wenig Rücksicht, es sind vor allem die physischen männlichen Bedürfnisse, die ihr Recht verlangen. Und nur deswegen begibt Napoléon sich immer wieder auf die Suche nach heimlichen Abenteuern, bei denen er schnelle und leidenschaftliche Erfüllung sucht. Gefunden hat er diese Erfüllung wohl niemals, denn sonst wäre er nicht der rastlose Mensch geworden, als den wir ihn heute kennen.

Er schien es selbst erkannt zu haben, denn auf St. Helena sagt er zu General Gourgaud:

Liebesgeschichten und Weiber...diese hätten mein Leben ausgefüllt, wenn ich Zeit dazu gehabt hätte! Frankreich war meine Liebe! Über mein Land vergaß ich meine männlichen Gefühle!

Wenn ich jemals wieder den Thron besteige, dann werde ich zwei Stunden täglich dem Gespräche mit Frauen widmen. Madame Duchâtel, Mme de Rovigo, Mme de Montesquiou, haben mich Dinge gelehrt, die ich ohne sie nicht gekannt haben würde...”

Aber schon viel früher schien Napoléon erkannt zu haben, wie sehr er sich durch die Arbeit zu seinem eigenen Sklaven machte. Am Ende der schönen Wochenende, die er als junger Konsul auf dem sommerlichen Lande verbrachte, stöhnte er oft, wenn er mit Joséphine zurück in die düsteren Tuilerien fuhr: “...jetzt kann ich mir wieder meine Halseisen anlegen...”

Vielleicht ist es die Tragödie dieses Mannes, das er sich dazu gezwungen sah.

Quellenhinweise

Frédéric Masson: "Napoleon zu Hause",  Leipzig 1904

Revue du "Souvenir Napoléonien" No. 433

General G. de Gourgaud: "Napoleons Gedanken und Erinnerungen", Stuttgart 1898

Louis Chardigny: "L'Homme Napoléon", Paris 1999

Friedrich Sieburg: "Napoleon – Die Hundert Tage", Stuttgart 1956