Stéphanie Napoléon

Stephanie NapoleonZu einer der liebenswertesten Gestalten aus der Umgebung Napoléons gehört eine junge Frau, deren Lebensgeschichte sich wie ein Märchen erzählen lässt. Als Tochter eines Grafen trägt sie zuerst den Namen Stéphanie-Louise-Adrienne de Beauharnais, als Adoptivtochter des Kaisers der Franzosen wird sie zu Stéphanie Napoléon, und als Gattin des Erbprinzen Karl-Ludwig schließlich zu Stéphanie Großherzogin von Baden.

Und märchenhaft erscheint uns auch ihre zarte Gestalt, ihr nymphenhaftes Wesen und ihre Schönheit, die uns in den wunderbaren Portraits von Prud'hon und Gérard erhalten blieb, und die schon von ihren Zeitgenossen gerühmt wurde. Eine Schönheit, die sogar heute noch bezaubert, denn Napoléons französischer Biograph Jean Tulard nennt Stéphanie  schlichtweg ravissante – hinreißend.

Geboren wurde die zukünftige kaiserliche Prinzessin am 28.August des verhängnisvollen Jahres 1789 in Versailles. Schon zwei Jahre nach der Geburt des einzigen Kindes stirbt die erst vierundzwanzigjährige Mutter Claudine-Adrienne-Gabrièle, geborene de Lezay-Marnésia, an den Folgen einer Schwindsucht im südfranzösischen Moutonne.

Von nun an beginnt für das kleine Mädchen eine zehnjährige Irrfahrt, die erst am Hofe des Ersten Konsuls im Jahre 1802 ein Ende finden wird.

Stéphanies Vater, der ehemalige Comte de Beauharnais, eine kaltherzige Spielernatur mit dem Hang zu Gewalttätigkeiten, verspürt keinerlei Interesse an seiner Tochter und überlässt Stéphanie ganz ihrem Schicksal. Als nach dem Tode der Mutter eine junge Irin sich erbietet, das Kind zu adoptieren, willigt der Vater ohne zu zögern und aus rein finanziellem Interesse ein. Stéphanies Mutter hatte die Irin im berühmten Pariser Couvent Notré Dame de Panthémont kennen gelernt. Diese Dame, Lady Laura Bath, hatte sich mit einem englischen Baronet verheiratet und besaß die nötigen Mittel, um angemessen für das Mädchen zu sorgen. Da es während der Revolution nicht möglich war Stéphanie aus Frankreich herauszubringen, überließ Lady Bath das Kind in der Obhut zweier Ordensschwestern aus Panthémont, Madame Sabatier und Madame de Trélissac. Zusammen mit der Kinderfrau, Madame Sainctelette, fuhren die Ordenschwestern in den Süden, der ihnen sicherer erschien als das von der Revolution tosende Paris. Nach längerem Umherirren wurde Stéphanie schließlich in Montauban heimisch, bis zum Spätsommer 1802, als plötzlich der Präfekt von Cahors in der Tür ihres Hauses stand, mit einer Ordre des Ersten Konsuls Napoléon Bonaparte, die angeheiratete Nichte seiner Frau möge sich unverzüglichst nach Paris begeben.

Was war geschehen?

Joséphine hatte erfahren, dass Stéphanies Vater sich mit einer gewissen Sophie Fortin-Duplessis wiederverheiratet hatte, ohne aber daran zu denken, seine Tochter wieder zu sich zu holen. Die Gemahlin des Ersten Konsuls setzte daraufhin alles in Bewegung, um das Mädchen ausfindig zu machen. Als Claude de Beauharnais vom plötzlichen Interesse Madame Bonapartes an seiner Tochter erfährt, beansprucht er sofort von Lady Bath seine Vaterschaftsrechte zurück, um Stéphanie wie ein Zuchtfohlen dem Meistinteressierten – in diesem Falle dem Ersten Konsul – zu einem Höchstpreis anzubieten. Lady Bath unterdessen, beauftragt Madame de Trélissac, zusammen mit Stéphanie umgehend nach England abzureisen.

Doch Napoléons Arm ist stärker und das Mädchen wird nach einigen Schwierigkeiten endlich nach Paris gebracht.

Stéphanies Vater erhielt übrigens später zum neuerlichen Verzicht auf seine Tochter eine Sonderdotation, sowie eine Senatorenstelle in Amiens mit einem Jahreseinkommen von 25000 Franc.

An einem Septemberabend dieses Jahres 1802 stand die kleine Nini de Beauharnais also zum ersten Mal vor dem großen Konsul General Bonaparte, den sie bis dahin nur von Lithographien und dem Besuch in einem Wachsfigurenkabinett her kannte. Während Napoléon das dreizehnjährige Mädchen, das ihm wie eine Nymphe aus dem Reich der Najaden erscheint, mit großem Vergnügen mustert, atmet Nini erleichtert auf –  denn zwischen beiden herrscht sofort Sympathie auf den ersten Blick!

Stephanie NapoleonAuch Joséphine ist glücklich, ein weiteres Familienmitglied der Beauharnais' in ihrer Umgebung zu wissen, sie hatte Stéphanies Mutter bereits gekannt, als diese noch eine junge Elevin in Panthémont war. Es fällt Joséphine deshalb nicht schwer, Muttergefühle für das Mädchen zu entwickeln und man sieht Stéphanie auch schon nach kurzem als umsorgte Tochter des Hauses unbeschwert durch die Flure der Paläste laufen. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sie sich geborgen und sicher.

Um ihre Ausbildung zu vervollkommnen, schickt Napoléon das Mädchen zu Madame Campan, in ihr berühmtes Pensionat in Saint-Germain-en-Laye. Anfangs lernt Stéphanie schlecht, doch später wird sie Mme Campans beste Schülerin, was ihr Stolz und Selbstsicherheit verleiht. Aber nichts macht sie glücklicher als der Anblick der sechsspännigen Kutsche, die an den Wochenenden vorfährt, um Stéphanie zu ihrer neuen Familie nach Paris oder nach La Malmaison zu bringen.

Der Adlerblick Napoléons ruht mit großem Wohlgefallen auf der Halbwüchsigen, Nini wird zum Liebling des Giganten und für das Mädchen ist dem Kaiser scheinbar nichts zu teuer – sie erhält kostbare Kleider und wundervollen Schmuck. Die Umgebung bemerkt schließlich, dass Napoléon in Gegenwart dieses reizenden Backfisches in eine merkwürdige Hilflosigkeit gerät, Stéphanie genießt eine Narrenfreiheit wie kein anderer bei Hof. Sie spielt, albert und neckt den Kaiser als sei er ein Gleichaltriger, was Napoléon sich gern gefallen lässt und er auch kräftig ausnutzt – ohne jede Scham lässt er die Fünfzehnjährige vor aller Augen auf seinem Schoß sitzen!

Doch die eifersüchtige Joséphine ist nicht blind und mahnt Stéphanie davor, es nicht zu übertreiben. Was dem jungen Mädchen noch wie ein Spiel vorkommt, beginnt sich bei Napoléon in eine ernste Sache zu entwickeln. Zwar kann man nicht von einer Verliebtheit reden, aber Stéphanies Koketterie – die eigentlich harmlos ist, von Napoléon aber völlig falsch verstanden wird – bringt den Kaiser auf die Idee, das Mädchen zu verführen.

Ist sie nicht sowieso sein? Hat er sie nicht aus der Vergessenheit geholt, um aus ihr eine kaiserliche Prinzessin zu machen, ja, um sie sogar zu adoptieren? Tut sie nicht alles, damit er endlich seine Hand nach ihr ausstreckt...?

Man sieht den Kaiser in einem seltenen Zwiespalt, er weiß, wie sehr er sich kompromittiert, wenn er es zum äußersten kommen lässt, seine Laune verschlechtert sich darüber, und an einem Nachmittag während einer Jagd in Rambouillet kommt es schließlich zum Eklat – Napoléon verliert die Nerven und herrscht Stéphanie an "...sie hätte nichts von ihm aber alles von sich selbst befürchten." Was nichts anderes heißt, als dass sie endlich weniger aufreizend sein möge.

Verwirrt zieht Stéphanie sich zurück, sie meidet den Kaiser und zeigt sich nur noch in der Nähe Joséphines, die natürlich ahnt, dass das Mädchen keinerlei Schuld trifft. Und zum ersten Mal bemerkt Stéphanie vielleicht, das Napoléon und Joséphine nicht das Traumpaar waren, für das sie die beiden hielt. Trotzdem bewahrt sie sich ihre Liebe zu ihrem Adoptivvater und akzeptiert sogar seine Absicht, sie aus politischen Gründen mit dem Erbprinzen Karl-Ludwig von Baden zu vermählen. Der Gedanke, ihr geliebtes Frankreich, den Kaiser und die Kaiserin für immer zu verlassen, entsetzt Stéphanie und noch viele Jahre später sagte sie: "Ich hätte es vorgezogen, wenn der Kaiser mich mit einem seiner Marschälle vermählt hätte."

Am Tag der Vermählung – die Hochzeit wird als eines der prächtigsten napoleonischen Feste Furore machen – ist es der Kaiser selbst, der seine Tochter zum Traualtar führt. Stéphanie erinnerte sich später: "Mit aller Kraft drückte ich die Hand des Kaisers; ich hätte sie niemals loslassen mögen, und als er mir nach unserer Ankunft in der Kapelle den für mich bestimmten Platz anwies, glaubte ich, mein Herz müsse brechen..."

Es war ein prophetisches Unbehagen, denn ihre Ehe mit dem späteren Großherzog von Baden sollte eine schwierige werden, die erst kurz vor dem frühen Tod des Gatten eine gewisse Harmonie erreichte.

Es sind ohne Zweifel Stéphanies Erinnerungen an ihre Zeit als kaiserliche Prinzessin, an die sie ihr ganzes Leben lang mit Sehnsucht zurückdenken sollte.

Aus einer Abenteuerlust heraus, versucht sie sogar eines Tages, zusammen mit ihren vertrauten Hofdamen Eleonore de Bourjolly und Anett de Mackau, dem kühlen Hofe ihres Schwiegervaters in Karlruhe zu entfliehen, um sich heimlich in die Schweiz abzusetzen. Doch die Flucht wird vereitelt und Napoléon – ganz Vater – schreibt seiner Tochter einen bösen Brief.

Napoléon spürt, dass Stéphanie in Baden nicht glücklich ist und erlaubt ihr, die Kaiserin nach Mainz oder Straßburg zu begleiten, wo Nini zusammen mit der unglücklichen Königin Hortense als Page verkleidet auf Maskenbällen tanzt.

Napoleon und seine AdoptivtochterIn Paris erwartet sie schließlich der Karneval, bei dem der sonst so ungesellige Kaiser sich von ihr und Hortense zum Walzertanzen verleiten lässt.

Nach der Scheidung von Joséphine verbringt Stéphanie abwechselnd ihre Zeit mit der traurigen Kaiserin und Napoléon, der in Vorfreude auf seine junge Braut es vorzieht, sich auf den Jagden und Festen entweder von seiner Schwester, der Fürstin Pauline Borghese, oder von der schönen Erbprinzessin von Baden begleiten zu lassen.

Unter den Augen des Kaisers wird aus Stéphanie eine derart elegante Reiterin, das ihr Anblick eines Tages sogar Dichter inspirieren wird.

Doch ist sie nun eine deutsche Prinzessin und Stéphanie weiß, dass ihr Platz nicht mehr in Paris ist.

Im Stadtschloss von Mannheim findet Stéphanie schließlich eine Residenz, in der sie sich wohlfühlt und die sie immer dem Stammschloss ihrer Schwiegerfamilie in Karlsruhe vorziehen wird. Überdies entstand zwischen den Mannheimer Bürgern und ihrer illustren Großherzogin eine liebevolle Verbindung und ein Andenken, das bis heute, dem Anfang eines neuen Jahrtausends währt, denn als ehemals schönste Bewohnerin Mannheims ehrte die Stadt Napoléons Adoptivtochter mit  dem Namen "Stephanienufer"für eine Rheinpromenade.

So wie die Mannheimer ihrer verehrten Großherzogin gedachten, so blieb auch der Kaiser der Franzosen in Stéphanies zärtlichem Gedenken, und das bis zum Ende ihres Lebens. Sie betrauerte seinen Tod tief und vergaß nie diesen großen Mann, der allen so fürchterlich schien, es als fürsorglicher Vater aber so wenig war, der scheinbar aus einer Laune heraus ihr Leben in ein Märchen verwandelt hatte, weil er Märchen liebte und in Stéphanie die Prinzessin gefunden hatte, für deren Rolle sie geboren worden war. Sie starb am 29.Januar 1860 in Nizza.

Quellenhinweise

Françoise de Bernardy: "Stéphanie de Beauharnais" Paris 1977

Friedrich Walter: "Stephanie Napoleon" Baden-Baden 1948

Rudolf Haas: "Stephanie Napoleon"  Mannheim 1976

Joseph Turquan: "Stéphanie de Beauharnais", Leipzig 1902

Rosemarie Stratmann-Döhler: Ausstellungskatalog "Stephanie Napoleon" Karlsruhe 1989